Helnwein's Work
by William Burroughs
Lawrence, Kansas, 1992

Es ist ein grundlegender Irrtum, dass irgendein menschliches Gesicht zu irgendeinem Zeitpunkt mehr oder weniger gleich aussieht wie dasjenige einer Statue.

In Wirklichkeit ist das menschliche Antlitz von Augenblick zu Augenblick so verschieden wie ein Bildschirm, auf welchem Bilder von innen und außen projiziert werden. Ich habe sechs Aufnahmen von derselben Person gesehen – in weniger als einer Minute gemacht – zu verschieden eine von der anderen, als dass man ein und dieselbe Person erkannt hätte.

Gottfried Helnweins Malereien und Fotografien attackieren diesen Irrtum, indem sie die Vielfalt der Gesichter zeigen, die jedes Gesicht in sich hat. Und um diese grundlegenden Missverständnisse anzugreifen, muss er durch Verzerrungen, durch Bandagen und metallene Instrumente, die das Gesicht in unmögliche Formen zwingen, unterstreichen und übertreiben. Bilder der Qual und des Wahnsinns herrschen vor, so erkannt, wie sie von einem Augenblick zum nächsten in einem Gesicht – dem sensiblen Spiegel von extremen Wahrnehmungen und Erfahrungen – auftauchen.

Wie kann ein Selbstporträt statueske Ruhe ausstrahlen – angesichts des uns umgebenden Schreckens? Die Tortur, das Leiden, die Furcht und der Hass sind zum täglichen Brot dessen geworden, was der Papst „das Bankett des Lebens“ nennt. Die gepeinigten Gesichter sagen: „Das ist es, was ich meine ... und das ... und das ... und das. ... Schau, und du wirst sehen.“ Man kann keinem etwas zeigen, was er nicht auf irgendeine Art selbst gesehen hat – genauso wenig wie man
keinem etwas mitteilen kann, das er nicht bereits weiß. Die Funktion des Künstlers besteht darin, die Erfahrung eines überraschten Erkennens wachzurufen: dem Betrachter zeigen, was er weiß, von dem er aber nicht weiß, dass er es weiß.

Helnwein ist ein Meister dieses überraschten Erkennens.

William S. Burroughs, 1992

zu englischem text


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